Erfolge der WSG

Christopf Trömer erfolgreich auf der Kieler Woche 2012 im 2.4mR

Zunächst erst einmal ein paar Worte zur Bootsklasse in der ich dort angetreten bin.

Die 2.4mR ist eine Konstruktionsklasse deren Vermessungsformel im wesentlichen auf die "Americas-Cupper" zurückgeht. Auf die berühmten "12er". Nur ist hier der endgültige Rennwert nicht 12m sondern eben 2,4m. Das ganze hat sich dann im Laufe der Jahre zu einer Quasi-Einheitsklasse entwickelt da fast alle einen Riß fahren, den "Norlin Mark3". Immer wenn ich davon erzähle kriege ich wieder und wieder den Kommentar zu hören: "Das sind doch die Behinderten-Boote. Wieso segelst Du da mit?" Das stimmt, diese Boote eignen sich hervorragend für Behinderte wegen ihrer Unsinkbarkeit und Kentersicherheit. Deswegen ist die 2.4mR auch offizielle Paralympische Klasse. Deutschland wird dieses Jahr in London wieder einmal von Heiko Kröger vertreten. Aber z.B im Mutterland der Klasse, in Schweden und in England ,haben viele Leute erkannt, daß man in dieser Klasse auf sportlich hohem Niveau relativ preiswert auch ohne Körperbehinderung Regatta segeln kann. Dieser Trend kommt mittlerweiler langsam auch in Deutschland an. Es ist einfach so, daß die vielen Paralympioniken diesen Sport so hochprofessionell betreiben ,daß fast immer gehandicapte Segler die Tops der Ergebnislisten anführen. So wurde z.B. 2010 bei der offenen WM in Hoorn der Kanadier Paul Tingley Sieger vor Stellan Berlin einem mehrfachen Weltmeister aus Schweden ( Stellan gewann dann wieder die offene WM 2011  in Norwegen). Im weiteren Verlauf der Ergebnisse wechselten sich dann Behinderte und Nicht-Behinderte ab. In welcher Sportart sonst ist eine derartige Integration Realität. Ich kenne keine!

Wer sich über die Klasse informieren will findet hier ein paar Infos und die Links zu den nationalen und dem internationalen Verband: www.2punkt4.de

 

Nun aber zur Kieler Woche:

Die ganze Geschichte  begann mit ein paar Schwierigkeiten eigentlich schon ein paar Wochen früher. Da ich leider immer noch nicht Besitzer eines solchen Bootes bin stand die Frage an woher ich ein solches für die Kieler Woche bekommen könnte. Hilfe bekam ich aus Varel. Dirk Bohlen sah keine Möglichkeit die Kieler Woche mitzusegeln und bot mir großzügigerweise sein  Boot an. An dieser Stelle noch einmal vielen vielen Dank an Dirk!!

Das kleine Training das ich mir eine Woche vorher in Arnis vorgenommen hatte fiel leider aus wegen Sturm und fehlendem Vorstag. So fuhr ich also nach Kiel ohne vorher einmal in diesem Jahr in einem 2.4er gesessen zu haben. Was ich schon befürchtet hatte bestätigte sich auch dann bei der Anreise. Im Jahr vor Olympia nutzten alle Aspirantan noch einmal die Gelegenheit ihre Messer zu wetzen.

Es war praktisch die Weltelite vertreten: Heiko Kröger, mehrfacher Paralympiasieger und Weltmeister sowieso, Thierry Schmitter aktueller disabled Weltmeister, Damien Seguin (Weltmeister von 2002,2003,2005 und 2005). Paul Tingley und Hans Asklund und dann sah ich noch Stellan Berlin auf den Stegen herumlaufen. Er war aber letztlich "nur" als Coach für Paul Tingley dabei. Und viele viele andere…... Na gut, sagte ich mir, dann werde ich eben als Freizeitsegeler in meinen Ansprüchen bescheiden bleiben müssen. Insgesamt waren 36  2.4-Segler aus 12 Nationen dabei. Ein schönes Feld.

 Dann gings los:

1.Wettfahrt, mittlere Windstärke, guter Start, schön mitgefahren 11.Platz, meine Erkenntnis: ich darf mitspielen!! 2.WF, zu weit links gehalten -18.Platz Hmmm..

Für den zweiten Tag war ordentlich Wind angesagt. Auf dem Weg zum Start fiel dann prompt die Lenzpumpe aus. Hilfeee!!! Ich brauch unbedingt ein eigenes Boot!!! Ganz unschuldig war ich nicht. Zu leichtsinnig hatte ich Dirks Angebot die elektrische Pumpe mitzunehmen abgelehnt. Man ist bei diesen kleinen offenen Booten und der kleinen steilen Welle vor Schilksee ohne Pumpe einfach nicht überlebensfähig. Ausserdem kann man sich während die Elektropumpe arbeitet wunderbar aufs Segeln konzentrieren. Den ersten und einzigen Streicher hatte ich also schon. Aber es kam noch dicker.

Im Hafen konnte ich die Reparatur schnell und unkompliziert ausführen. Also schnell wieder raus. Zur zweiten Wettfahrt kam ich genau zur rechten Zeit. Ein perfekter Start und ich fand mich an der Luvtonne auf dem 2.Platz direkt hinter Damien. Jetzt ruhig bleiben,schön laufen lassen und konzentriert weiterfahren. Leider neige ich vor dem Wind zu Experimenten und die anderen sind auch nicht gerade langsam. Ich fand mich am Leefaß auf einmal neben/hinter Thierry wieder. Um eine Kollision zu vermeiden schoss ich in den Wind und stand dort gefühlte 5 Minuten mit killenden Segeln ehe ich wieder Fahrt ins Schiff bekam. Am Ende konnte ich den 5.Platz ins Ziel retten. Wow, was war das denn…

 Am nächsten Tag gabs wieder Druck in der Luft. Wieder hatte ich einen passablen Start ,wieder vor Heiko. Bei Wind beeindruckt er aber immer wieder mit einem unglaublichen Speed über die Distanz. Am Ende für mich: 9.Platz, Na ja… die Ansprüche steigen halt.

Wegen Gewitterneigung sollten wir dann erst einmal im Hafen warten. Auf dem Weg dorthin passierte es: Eine Welle, eine Böe--> Patenthalse-->Peng. Der Niederholer-Beschlag am Mast brach. An Land erschlug mich dann die ernüchternde Erkenntnis, daß leider der Mast vom Nietloch ausgehend einen Riß über die gesamte Bb-Seite mitbekommen hatte. Das war hier und jetzt irreparabel. Langsam stieg der Frust in mir auf. Es begann doch gerade richtig Spaß zu machen.

 Als Retter in der Not entpuppte sich Stephen Bullmore aus England. Zufällig hatte er gerade einen passenden "Superspars"-Rohling mit dabei. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Eigner war klar: Das Boot braucht einen neuen Mast! So oder so! Freundlich, bestimmt und mit dem ihm eigenen englischen Humor gab mir Stephen zu verstehen, daß er am liebsten allein arbeitet..very nice guy!!

Die letzte WF wurde wegen Starkwind auf den nächste Tag verschoben. Auf dem Startschiff konnte ich zuvor miterleben wie man Material mordet und daß ein 2.4er kompett vollgelaufen wirlich nicht untergeht.

Am nächsten Morgen um 06,00Uhr konnte ich den neuen Mast aufriggen. Gerade rechtzeitig zur ersten Wettfahrt. Heute gibt’s wenig Wind - ich liebe das. Über links sah es auch am Anfang perfekt aus. Aber rechts fuhr die Meute auf einmal auch wie wild los. Meine Aufholjagd endete mit dem 7.Platz. Die neuen "Surperspars"-Masten scheinen also gar nicht schlecht zu sein. Auf der Ziellinie hatte mich Lasse Klötzing recht aggressiv angegriffen. Lasse ist die neue deutsche Hoffnung im paralympischen Bereich. Durch seinen Sieg in der letzten DM in Travermünde hatte er sich phasenweise ein Kopf an Kopf Rennen mit Heiko Kröger um die Qualifikation für London geliefert.

Ich hatte also kaum ein schlechtes Gewissen ihn beim nächsten Start recht wirkungsvoll auszuluven. Unter anderem durch die Deflektorwirkung seiner Segel hatte ich einen perfekten Start. Prompt fand ich mich auf Platz eins an der Luvtonne wieder! Jetzt galt es das Adrenalin niederzukämpfen. Lange hielt ich den ersten Platz. Ich weiss nicht was mich geritten hatte aber auf der letzten Kreuz ließ ich Damien einsam nach rechts fahren. Ich blieb auf meiner "Lieblings"-Seite. Wollte ich denn über links 0ter werden? Natürlich bekam er rechts dann ein bischen mehr Druck. Schnell ist er sowieso. Auf dem Vorwindgang fuhr ich zwar dann noch einmal bis auf 10m an ihn heran aber der 1.Platz war hin.

Ich brauchte ein paar Minuten um an mich heranzulassen, was ich trotzdem da gerade ersegelt hatte. Bei diesem Feld!! An Land begannen die Profis auf einmal mich wahrzunehmen. In der Gesamtwertung brachte mich das auf den 8.Platz. Der Gedanke war schon da mir diese Liste als Souvenir mitzunehmen. Ich habs versäumt.

Der letzte Tag brachte wieder ordentlich Wind. Es sollten noch einmal 3 WF gesegelt werden und wie schon in Travemünde zeigte ich wieder Nerven: Der Start war wieder richtig gut. An der Luvtonne war ich Dritter. Am Ende der zweiten Kreuz manövrierte ich mich aber in eine so ausichtslose Position an der Luvtonne , daß ich Paul Tingley und Mark LeBlanc, dem USA-Paralympia-Teilnehmer, Raum geben musste aber eigentlich kein Platz dafür hatte. Halbherzig und regelwidrig schummelte ich mich zwischen die beiden und die Tonne. Wildes "Protest"-Geschrei und das Stehen mit killenden Segeln war das Ergebnis. Wieder dauerte es eine Ewigkeit bis ich wieder Fahrt im Schiff hatte. Retten konnte ich dabei den 10.Platz. Aber eigentlich überraschte mich die Tatsache daß ich doch keinen Protest bekam. Verdient hätte ich ihn!

Reichlich verunsichert und auch ein bischen deprimiert ging ich ins zweite Rennen. Wieder dritter an der Luvtonne. Im Vorwindgang fuhr ich aber mit einem Briten völlig in die falsche Richtung. Um meine Vorwindschwäche ein wenig auszugleichen fing ich direkt vor der Ziellinie wie wild und völlig übertrieben zu pumpen an. Das half zwar kurzfristig ein paar Plätze zu halten. Direkt unter den Augen der Jury war das aber keine wirklich gute Idee. Ich fing mir einen Penalty ein. Mit ein bischen mehr Routine wäre ich jetzt einfach wieder über die Ziellinie gefahren und hätte meine Kringel gemacht. Zumindest hätte ich dann nicht die volle Punktzahl von 36 Punkten eingeheimst. Dazu war ich aber in diesem Moment zu sehr im Selbstmitleid gefangen.

Unter diesem Eindruck begann und beendete ich auch die letzte Wettfahrt glanzlos auf dem 15.Platz. Ohne die Aktion im vorletzten Rennen hätte ich die Kieler Woche auf dem 9.Rang beendet. So wurde es immerhin noch der 12.Platz.

Man mag sich gar nicht ausdenken was alles möglich gewesen wäre wenn…… Aber es ist wie an der Börse: am Ende zählt nicht was hätte alles sein können! Gewonnen hat Damien Seguin ,FRA13 vor Thierry Schmitter, NED12 und Heiko Kröger, GER1. Glückwunsch!!

Mein Fazit sieht so aus: Ich werde mich jetzt ernsthaft auf die Suche nach einem guten gebrauchten Boot machen. Ein neues für 12.000 Euro wäre gegenüber der Familie unfair und übertrieben. Leider ist im Moment der Gebrauchtmarkt so gut wie leergefegt. Wenn ich das irgendwie bis September hinbekomme werde ich zur offenen WM nach San Georgio, Italien fahren. Darauf freue ich mich jetzt schon riesig. Die gewonnenen Erkenntnisse brennen darauf angewendet zu werden. Mir hat es trotzt aller Widrigkeiten riesigen Spaß gemacht.

Vielleicht erkennen ja in Deutschland immer mehr Leute wie einfach, relativ preiswert und spannend Regattasegeln sein kann ohne daß man dabei an seine körperlichen Grenzen gehen muß. Hans Asklund aus Stockholm fuhr schliesslich diese Kieler Woche mit 69 Jahren auf den 4.Platz!  Alter Schwede!!! 

Text: Christoph Trömer GER 5